15 Dezember 2015

Waldbaumläufer?

Hallo,

heute nachmittag besuchte mich vor dem Fenster in Bi-Theesen dieser kleine Kerl.
von der reinweißen Bauchfarbe, dem deutlichen und langen Überaugenstreif, dem Kontrast und der langen Hinterzehe würde ich auf nordöstlichen Waldbaumläufer tippen, von der Schnabellänge her passt es aber nicht. Und das Merkmal mit der abgestuften Flügelzeichnung habe ich noch nie verstanden ;-)

Was meint Ihr?

LG Holger

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi Holger,
das ist ja witzig, da ich eher das "Abstufungs-Merkmal" auf Fotos am eindeutigsten finde....
Demnach ist dies für mich auch ein Waldbaumläufer, aber ob es die nordische Unterart ist, kann ich auch nicht eindeutig sagen.
Außerdem stimmen, wie du geschrieben hast, ein paar Merkmale nicht. So auch die weißen Spitzen auf den Handschwingen, die eigentlich für einen Gartenbaumläufer sprechen würden!?

Viele Grüße von Simon B.

Anonym hat gesagt…

Hallöchen Holger,
auf dieses Vögelchen treffe ich auch immer mal wieder und die spannende Frage, ob ein W- oder G-baumläufer. Schau mal dieses Link http://blog.canoncam.de/blog1.php/2013/05/20/unterschied-gartenbaumlaeufer-waldbaumlaeufer
An Hand des Mermales der Gefiederspitzen deines Piepmatzes (Punkte statt Streifen) tippe ich auf einen Gartenbaumläufer.
Liebe Grüße
KrisK

Anonym hat gesagt…

Die weißen Schwingenspitzen sollen ja bei dem familiaris familiaris, was von der Färbung am besten passt, auch weiß sein?!

Anonym hat gesagt…

Hallo!
Tja, lieber Anonym, wenn denn alles so einfach wäre.
Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass der ausgeprägte Überaugenstreif, eine (scheinbar) schneeweiße Unterseite und weiße Sprengsel auf Scheitel und Rücken keine sicheren Merkmale sind.
KrisK hat einen guten Link genannt. Schaut da mal nach.
Ich sehe keine waldbaumläufertypische "Klinke" (Foto 2 u. 4), der Schnabel ist zu lang (Foto 2 u. 3; zumindest für ssp. familiaris), die weißen Punkte auf den HS hat nur der Gartenbaumläufer. Nur die Kralle ist für den G. recht grenzwertig lang.
M.E. spricht alles für den Gartenbaumläufer.
Liebe Grüße
Axel

Anonym hat gesagt…

Hi Axel,

dann guck Dir mal die Waldbaumläufer im Fotoarchiv auf club300 an. Da haben gerade die ziehenden Vögel (Helgoland, Lutz Ritzel, 2010) alle die hellen Flecken auf den HS. Der Vogel sieht meiner Meinung nach exakt gleich aus. LG Holger

Anonym hat gesagt…

Hallo zusammen,

obwohl es eigentlich unterhaltsam zu verfolgen ist, wie die Diskussion zumindest mehrheitlich zum richtigen Ergebnis führt, will ich mal wieder ein bisschen zur Verwirrung beitragen.
Bisher wurden bereits einige Kennzeichen korrekt genannt, teils aber falsch angewendet, andere wurden gänzlich falsch benutzt.

Zunächst folgendes: weiße Handschwingenspitzen besitzen ALLE Baumläufer.
Unterschiede gibt es lediglich in der Ausdehnung dieser weißen Spitzenflecke, vor allem auf den innersten Handschwingen 1-4. Am besten zu sehen ist es meist auf H4. Beim Gartenbaumläufer (im folgenden: "G") ist der Fleck fast ganz auf die Außenfahne beschränkt, beim Waldbaumläufer ("W") zieht er als weißer Saum auf die Innenfahne. Das ist auf Holgers Fotos gut zu sehen.

Unterschiede gibt es auch aufgrund einer etwas unterschiedlichen Schwingenformel im Abstand dieser weißen Spitzen zueinander. Beim G sind die Abstände relativ gleichmäßig, beim W ist der Abstand zwischen H3 und H4 meist deutlich kleiner als zwischen H4 und H5. Das kann ich auf den Fotos nicht sicher erkennen.
Dieser Unterschied bildet sich auch in der Flügelbinde ab. Der Abstand der Bindenflecke zwischen H3 und H4 ist beim W kleiner (und dadurch die Überlappung größer) als zwischen H4 und H5. Das proximale Ende des Flecks auf H5 liegt praktisch neben dem auf H6. Dadurch entsteht diese ominöse "Klinke". Diese ist auf allen Fotos außer Nummer 3 gut zu sehen.
Die distalen Enden dieser Bindenflecke sind beim W in der Regel weniger zugespitzt als beim G. Dieses Merkmal scheint bei dem fraglichen Vogel eher etwas untypisch ausgeprägt, zumindest auf den innersten Handschwingen.
Ein weiteres gutes Merkmal im Flügel ist vor allem auf Foto 3 gut zu sehen. Die Innenfahne der längsten Schirmfeder ist wesentlich heller als die Außenfahne. Solche Merkmale sind natürlich sehr lichtabhängig und können auf Fotos täuschen.

Zur Länge von Schnabel und Halluxkralle (nicht Hinterzehe!): Die Schnabellänge ist bei beiden Arten zwischen den Geschlechtern fast deutlicher verschieden als zwischen den Arten. Es wäre also hilfreich, das Geschlecht des Vogels zu kennen. Kennen wir aber nicht. GENAUE Maße wären zwar dennoch hilfreich, da verschiedene Indizes dann durchaus diagnostisch wären. Um solche Maße zu erhalten, müsste man den Vogel aber in der Hand halten (und korrekt messen). Auf Fotos wäre das nur möglich, wenn beides exakt von der Seite zu sehen wäre, der Vogel so freundlich wäre, seine Halluxkralle frei zu zeigen, und wenn wir sicher sein könnten, dass das Objektiv nicht zu stark verzeichnet.
Als grobe Hilfe könnte man aber sagen: beim W ist die Halluxkralle tendenziell mehr als halb so lang wie der Schnabel, beim G tendenziell weniger als halb so lang.
Auch dies spräche beim gezeigten Vogel eindeutig für einen Waldbaumläufer.

Reinweiße Unterseite, kontrastreiche Kopfzeichnung (Überaugenstreif und Scheitelfleckung) tragen noch ihr Scherflein dazu bei, dass es sich hier eindeutig um einen Waldbaumläufer handelt.
Die Bestimmung der Unterart ist weder im Feld, noch in der Hand sicher möglich, weil sie schwach differenziert sind bzw. klinal ineinander übergehen. Der Vogel sieht aber sehr nach nordöstlicher Herkunft aus.

Ein Teil der zur Feldbestimmung von Baumläufern hilfreichsten Merkmale im Großgefieder sind erst vor relativ kurzer Zeit neu beschrieben worden; in einer Arbeit von Winfried Daunicht in Limicola, die hier heruntergeladen werden kann:
http://www.limicola.de/downloads.html.

So, ich hoffe, ich habe nicht die Verwirrung perfekt gemacht.

Viele Grüße an alle Baumläufer, gleich welcher Herkunft!

Axel Müller (anonym), Lippetal bei Soest

Anonym hat gesagt…

Hallo Holger!
Habe ich gemacht... Und jetzt bin ich verwirrt...
Ich habe diese Flügelspitzenzeichnung bei BEIDEN Arten gefunden. Auch wenn beim W. bei manchen die längsten beiden sichtbaren HS "nur" einen hellen Saum und zwischen diesen und der drittlängsten eine etwas größere Distanz war, ist dieses nicht durchgängig. Obendrein sah es auch bei einigen G. so aus, auch mit der Distanz. Dagegen sind die HS-Spitzen von deinem relativ gleichmäßig verteilt.
Um die Verwirrung komplett zu machen, habe ich in meine alten Bestimmungsbücher aus den 70ern nachgeschaut. Abstufung? Fehlanzeige. Weiße Punkte auf den Flügelspitzen? Waldbaumläufer (im Svenson Gartenbaumläufer).
Wegen dem Verständnis der Abstufung präpariere ich zwei Fotos und schick' sie dir.
Unabhängig davon und dass ich dir den W. für die Gartenliste von Herzen gönne: Mir ist der Schnabel zu lang und die Hinterkralle zu kurz für einen W.
Liebe Grüße
Axel

P.S.: Wenn's nach der Abstufung und anderen Merkmalen geht, sind unter Gartenbaumläuferfotos bei Club300 auch ein paar Waldis...

Anonym hat gesagt…

Hallo zusammen,
hallo Holger,

ich bitte um Verzeihung für die Durchführung eines interessanten Experiments!

Eigentlich habe ich einen Sturm der Entrüstung - ja einen wahren shitstorm - erwartet. (Aber vielleicht kommt der ja noch...)

Ich habe gestern einen download-link zu der damals bahnbrechenden Arbeit von Daunicht zur Baumläuferbestimmung eingestellt.
Und ich habe unter Verwendung der dort beschriebenen Großgefiedermerkmale, die für heutige Beobachter dank der Möglichkeiten der Digitalfotografie relativ einfach auf Fotos kontrolliert werden können, anhand von Holgers Fotos ausführlich eine FALSCHE Diagnose begründet.
Jeder, der sich die Mühe gemacht hätte, diese ausführliche Begründung nachzuvollziehen, hätte darauf kommen müssen, dass es sich tatsächlich um einen Gartenbaumläufer handelt.
Wer meinen manchmal etwas schrägen Humor kennt, hätte spätestens bei den ein- und ausleitenden Hinweisen auf meine Absicht, zu verwirren, stutzig werden können.

Interessant an der Diskussion fand ich vor allem, dass die "alten Hasen" mit 30- oder 40-jähriger Felderfahrung (nicht falsch verstehen: dazu zähle ich mich selber auch) den Vogel mehrheitlich richtig angesprochen haben, wenn auch teils mit - mit Verlaub gesagt - wahrhaft abenteuerlichen Argumenten.

Was haben wir gelernt?

- Axel Müller hat manchmal einen schrägen Humor.
- Vogelbestimmung erfordert manchmal Sorgfalt.
- Bei der Überprüfung von Merkmalen auf bestimmten Federn sollte man sicherstellen, dass man sich die richtigen Federn anschaut.
- Der größte Teil der nur gesehenen (also nicht gehörten und nicht fotografierten) Baumläufer bleibt besser unbestimmt.
- Manche der traditionellen Unterscheidungsmerkmale haben eine ähnliche Trennschärfe wie dieses: Baumläufer auf grober Borke = Gartenbaumläufer; Baumläufer an glatter Rinde = Waldbaumläufer (Tatsächlich sind die Unterschiede in Schnabel- und Krallenlänge natürlich Anpassungen an diese verschiedenen Präferenzen!).
- Glaub keinem über dreißig.
- Glaub keinem, nur weil er "einen Namen hat".
- Gartenbaumläufer können auf Fotos manchmal erstaunlich kontrastreich aussehen.

Einen Punkt möchte ich hier noch einmal aufgreifen: da der Vogel ja in Bielefeld fotografiert wurde, ist er für mich ganz sicher nordöstlicher Herkunft.


Viel Spaß bei der weiteren Aufarbeitung und allen schöne Feiertage!

Axel Müller (immer noch anonym), Lippetal